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Neuer Alzheimer-Test: Fluch oder Segen?

 

Auch wenn medizinischer Fortschritt oft ein Segen für die Menschheit ist – manchmal kommt man schon ins Grübeln, ob eine neue Erkenntnis, ein neues Medikament, eine neue Behandlungsmethode wirklich sinnvoll ist. So scheint die Meldung „Neuer Test erkennt Alzheimer lange vor dem Ausbruch“ auf den ersten Blick eine gute Sache zu sein. Bis zu 15 Jahre bevor sich diese Nervenerkrankung bemerkbar macht soll eine jetzt vorgestellte Diagnosemethode das Leiden vorhersagen können. Der Test biete eine „gravierende Verbesserung bei der Alzheimer-Diagnostik“, meint einer der Entwickler, Osama Sabri, von der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der Universität Leipzig.

Aber schon die simple Frage „Was bringt einem Betroffenen dieses Wissen“ zeigt, dass man besser vorsichtig mit solch euphorischen Formulierungen umgeht. Alzheimer ist eine Hirnerkrankung, die nicht heilbar ist. Zwar gibt es verschiedene Medikamente, die dazu beitragen, die Demenz weniger rasch voranschreitet zu lassen oder die nachlassenden Gedächtnisleistungen wieder zu verbessern. Auch einige nicht-medikamentöse Therapien verlangsamen den Fortschritt etwas. Aber die Erfolge sind sehr unterschiedlich, zuweilen auch nur sehr bescheiden.

Ist es da nicht besser, nichts vom drohenden Unheil zu wissen und bis zum Ausbruch von Alzheimer ein möglichst ruhiges und entspanntes Leben zu führen? Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Doch bevor jemand sich für einen vorhersagenden Test entscheidet, sollte er sich gut informieren über die möglichen Folgen. Die Angst vor einer Erkrankung selbst, die da irgendwann einmal ausbrechen soll, kann schon sehr belastend sein – bis hin zu ernsten psychischen Problemen.

Bei einer der schlimmsten Erbkrankheiten – Chorea Huntington – registrieren Mediziner rund um das Diagnosedatum eine erhöhte Selbstmordrate von Betroffenen. Huntington ist wie Alzheimer nicht heilbar und endet mit dem Tod. Ein Gentest ermittelt eindeutig, ob ein Mensch die Krankheit bekommen wird oder nicht. Nur den Zeitpunkt des Ausbruchs ist nicht vorhersagbar. So kommt es, dass viele Menschen, die ein hohes Huntington-Risiko in sich tragen (zum Beispiel, weil ein naher Verwandter darunter leidet), ganz bewusst auf den Test verzichten.

Lieber nichts wissen und glücklich leben, so lange es geht, lautet die Devise. Falls die Erkrankung dann doch kommt, wird es sowieso schlimm genug.

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