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Medikamente: Einmal “Durchfallstopp 7″ und “Juckreizweg” bitte

 

Bei folgender Meldung blieb ich vor einiger Zeit weniger wegen dem Inhalt, sondern bei einem Namen hängen: „Monoklonaler Antikörper Ustekinumab gegen Psoriasis wirksam“. „Uste was?“ , habe ich mich gefragt. Kaum aussprechbar, dieser Zungenbrecher! Was soll das bloß bedeuten? Welche Sprache ist das? Und wer kommt auf solche komische Namen?

Der Reihe nach. Ustekinumab ist der Name eines Wirkstoffs, den Forscher der US-Firma Centocor entwickelt haben. Er soll Menschen mit Psoriasis helfen, einer sehr unangenehmen Hauterkrankung. Wie jedes anderes Produkt auf dieser Welt braucht dieser Wirkstoff einen Namen. Aber warum muss dieser denn so kompliziert sein, werden sie fragen?

Nun, erstmal sollten Sie froh sein, dass nicht die Forscher von Centocor selbst den Namen ausgesucht haben. Wissenschaftler gehen bei solchen Angelegenheiten sehr pragmatisch vor und geben ihren Erfindungen meist nur kryptische Abkürzungen. Im Fall von Ustekinumab lautet diese „CNTO-1275“. Stellen Sie sich mal vor, sie gehen mit Kopfschmerzen in die Apotheke und verlangen nach Hilfe. „Gerne“, sagt der Apotheker, „ich kann ihnen da ST-12b7, BRDF27 oder ZUR99Z3 empfehlen“.

Natürlich wäre es für alle am einfachsten, wenn die Namen von Medikamenten möglichst klar und deutlich auf die Wirkung hinweisen würden. Etwa „Durchfallstopp“ oder „Juckreizweg“. Aber das führt schnell zu Problemen. Es geht damit los, dass es für die meisten Leiden mehrere Wirkstoffe zur Therapie gibt. Man könnte durchnumerieren. Aber welcher Hersteller will sein Medikament „Duchfallstopp 7“ nennen? Zudem wirken viele Arzneien bei mehreren Krankheiten. Die neue „Kopfschmerzweg und Fieberrunter“-Pille? Hört sich nicht gut an. Und was ist, wenn Sie im Ausland eine Arznei brauchen? Ein Apotheker in Tokio wird mit „Durchfallstopp 7“ nichts anfangen können. Und Sie können sich wahrscheinlich die Zeichen  „蛇亜筆“ nicht merken. Nein, nein, dieser Ansatz funktioniert vorne und hinten nicht.

Pharmahersteller gehen da anders vor. Bleiben wir bei den Kopfschmerzen und nehmen als Beispiel das vielleicht bekannteste Medikament der Welt: Aspirin. Der Name enthält gleich mehrere Grundkonzepte der Namensfindung:

1. Zusammensetzung aus mehreren Teilen: Bei Aspirin sind das „A“ und „spirin“. „A“ steht für Acetyl, die Bezeichnung einer chemischen Komponente, die in dem Wirkstoff vorkommt. „Spirin“  steht für Spire, eine Art Rosengewächs, in dem der Wirkstoff des Medikaments, die Salicylsäure, vorkommt.

2. Abkürzungen: Wie gesagt, bei Aspirin steht das „A“ für Acetyl. Es gibt unendlich viele Abkürzungen in Medikamentennamen.

3. Sprachenvielfalt: „Acetyl“ ist ein englisches Wort, „spirin“ kommt von der lateinischen Bezeichnung der Spire, „Spiraea ulmaria“. Latein gilt als die internationale Sprache der Medizin. Manchmal bedienen sich Hersteller aber auch an sehr exotischen Sprachen. Das Wort Umckaloabo zum Beispiel – so heißt ein Mittel, das gegen Infektionen der Atemwege helfen soll – entstammt der afrikanischen Sprache Zulu und bedeutet soviel wie „schwerer Husten“.

Auch bei anderen Medikamenten haben Hersteller versucht, eine Verbindung zwischen Wirkung der Arznei mit dem Namen herzustellen. So heißt ein Mittel gegen Magenbescherden „Gastrobin“. Im lateinischen steht „Gastrum“ für Magen. Ein weiteres Beispiel: das allseits bekannte Homöopathikum „Meditonsin“. Tonsillen sind die Gaumenmandeln, die bei Erkältungen meist von Viren befallen sind.

Doch solche Wortspiele gibt es eher selten, dem Erfindergeist sind zuweilen starke Einschränkungen gesetzt. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einem lauert überall markenrechtliches Konfliktpotenzial. Bei zehntausenden von Medikamenten weltweit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es einen gängigen Produktnamen schon gibt.

Zum anderem reden die Zulassungsbehörden in manchen Ländern auch noch ein Wort mit. In den USA zum Beispiel prüft die Gesundheitsbehörde FDA sämtliche Medikamentennamen. Sie achtet unter anderem auf das Schriftbild, den Klang, die Buchstabierung, mögliche Aussprachevarianten und sogar darauf, wie sich der Produktname am Telefon anhört. Ziel dieser Prüfung: Der Name muss so konzipiert sein, dass ihn weder Arzt noch Patient mit anderen Medikamenten verwechseln können. Nicht selten hat die FDA in der Vergangenheit Vorschläge der Pharmafirmen abgelehnt.

Keine einfache Angelegenheit also, so eine Namensfindung für ein Medikament – sei es der Wirkstoff- oder Produktname. Ach ja, und was steckt jetzt eigentlich hinter Ustekinumab? „mab“ steht für „monoclonal antibody“ (zu deutsch „monoklonaler Antikörper), eine spezielle Wirkstoffform, zu der Ustekinumab gehört. „kin“ ist wahrscheinlich die Abkürzung für „Zytokine“. Diese Substanzen im Körper greift Ustekinumab an. Und „Uste“? Das hat der Hersteller bisher noch nicht verraten.

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