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Langeweile ist gut für den Menschen

 

Zu viel Stress endet im BurnoutMachen Sie das auch manchmal gerne? Sich auf das Sofa fläzen, die Decke anschauen und nichts tun, nichts denken, nichts … überhaupt nichts. Oder den Fernseher anschalten, das sinnloseste Programm wählen und den Mist einfach auf sich herabrieseln lassen. Wunderbar langweilig, nicht wahr? Und ganz böse natürlich, in unserer modernen Hochleistungsgesellschaft. Langeweile haben, diesen Luxus darf man sich heute nicht mehr leisten. Wir müssen uns stetig beschäftigen, etwas leisten, uns zumindest fortbilden. Von unseren Kindern verlangen wir das übrigens auch. Schon im Vorschulalter werden sie gefördert, was das Zeug hält. Lesen und Schreiben schon vor der Einschulung lernen. Die erste Fremdsprache am besten gleich mit dazu. Die Grundrechenarten? Ja, bitte. Die Bedienung eines Rechners wäre auch nicht verkehrt. Denn wir haben ja keine Zeit. Ebenso die Kinder – obwohl die bekanntermaßen ihr ganzes Leben ja noch vor sich haben. Die armen Kinder ...

Dazu passt dieser schöne Spruch: Das Leben ist wie ein Ferrari, nämlich viel zu schnell. Aber das macht nichts, wir können es uns sowieso nicht leisten.

Habe ich in einem Garfield-Comic gelesen. Garfield, der alte Philosoph. Der Meister der Langeweile. Der Faulheit und Nichts-Tun zelebriert wie ein Olympionike die Goldmedaille.

Und das zurecht, wie Wissenschaftler bestätigen. Langeweile ist wichtig für die Entwicklung des Menschen. „Kinder müsssen sich langweilen dürfen“, sagt Diplom-Psychologe Maud Winkler auf Bild.de. Schon vor Jahren haben Studien gezeigt, dass unser Nachwuchs am besten dann lernt, wenn er zwischendurch auch mal ruhige, stressfreie Phasen hat – die zuweilen in Agonie und Lethargie übergeht. Nur aus diesem Stadium heraus schöpfen Menschen neue Kräfte, entwickeln aus dem Wunsch heraus, diesen Zustand zu verlassen, Kreativität. Gilt für Kinder wie für Erwachsene.

Gut für die eigene Gesundheit ist das sowieso. Ständiger Druck, etwas leisten zu müssen, sich keine Pause gönnen, das endet immer häufiger in einem Burn-Out. Nicht selten wird der therapiert, dadurch mehr schlecht als recht überwunden, und es geht weiter. Alles andere wird als Schwäche gewertet. Wer will heutzutage noch als Schwächling gesehen werden? Die Quittung für derart törichtes Verhalten kommt üblicherweise ein paare Jahre später. Der Körper bestraft uns für die Überanspruchung, mitunter richtig ernst: Panikattacken, manifeste Depressionen oder gleich lebensbedrohliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Und das nur, weil wir uns keine Pause mehr gönnen. Weil wir es schon verlernt haben, den erst vor kurzem erlangten, unglaublichen Luxus der Langeweile zu genießen. Es ist noch gar nicht lange her, dass es nur ganz wenigen Menschen auf der Erde zustand, hin und wieder Muße zu empfinden. Sehr wohlhabende Menschen waren das, die sich Faulheit leisten konnten, eine Elite. Zumindest in Deutschland könnte sich das fast jeder regelmäßig gönnen. Tut aber längst nicht jeder. Schon gar nicht die, die es dringend notwendig hätten. Die sich ständig übernehmen, die kurz vor dem Kollaps stehen.

Vielleicht wäre für diese Menschen die Londoner „Boring Conference“ eine Empfehlung. Diese „Langeweile-Konferenz“ fand jetzt schon zum dritten Mal statt. So spannenden Vorträgen wie „Seriennummern diverser U-Bahn-Waggons“ oder „Die Faszination von Kassenautomaten der Marke IBM“ standen zur Auswahl. Auch „Wie ich mein Toast mag“ und „Die Toilette: Abwasserhygiene“ dürften den ein oder anderen Gähner verursacht haben.

Total bescheuert, sagen Sie? Fragen Sie mal die über 600 Gäste, die anwesend waren. Sie standen Schlange, um reinzukommen in die York Hall – unter anderem Alexander Menden, der darüber auf Sueddeutsche.de berichtet. Bei der ersten Veranstaltung vor zwei Jahren waren es noch 200.

Vielleicht war es aber auch das kalte Buffet, das die Besucher anlockte: Auf Zahnstocher gespießte Gurkenstücke, mit Petersilie belegtes Weißbrot, Kekse Marke „ohne Geschmack“ als Nachspeise, Wasser zu trinken. Öder geht’s nicht mehr. Den Teilnehmern hat es trotzdem geschmeckt.

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