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Ein Gen, das Dicke gesund lässt und Dünne krank macht?

 

Ist ihnen das “Gen der Woche” schon begegnet? Nein? Mir auch nicht. Noch nicht. Aber gleich wird es soweit sein. Ich schaue nur mal kurz ins Internet … und da ist es auch schon. Diesmal geht es um Körperfett und Übergewicht. Biologen haben ein Gen (also ein Erbgut-Abschnitt) gefunden, das zum einem mit einem geringen Körperfett-Anteil in Verbindung gebracht wird. Zum anderem soll es aber auch bei der Entstehung von Herzleiden und Diabetes beteiligt sein. Die Kernaussage der Studie: Vorsicht, auch dünne Menschen können herzkrank werden. Und dicke bekommen nicht automatisch Diabetes.

Klingt aufregend, ist es aber nicht.

Nicht mehr. Vor zwanzig, dreißig Jahren hätte diese Entdeckung noch große Schlagzeilen gemacht. Damals war das Auffinden eines Gens in der Tat noch eine wissenschaftliche Errungenschaft. Eine Arbeit, die Monate, ja sogar Jahre dauerte. Zudem glaubten Biologen, anhand der Information eines Gens weitreichende Schlüsse ziehen zu können.

Mittlerweile sind die Forscher schlauer. Gene entdecken sie am fließenden Band. Die Arbeitsschritte, die ehemals so viel Zeit in Anspruch nahmen, erledigen jetzt moderne Roboter in ein paar Stunden.

Das führte schon vor 10 Jahren zu wöchentlich neuen Genfunden. Anspruchsvolle Journalisten langweilte das irgendwann, sodass sie anfingen, abfällig vom “Gen der Woche” zu sprechen – und diese Meldungen seitdem überwiegend ignorieren.

Zudem zeigte die Datenflut: Die Sequenzen des Erbguts allein stellen keine wertvolle Information dar. Auch wagemutiges orakeln über die Funktion eines Gens – ermittelt allein durch statistische Auswertungen – besagt nur wenig. Und die Anzahl der Gene (die Schlagzeile “Zehn neue Gene entdeckt!” liest man ja immer wieder mal) ist sogar völlig irrrelevant. Ein Beispiel gefällig? Beim Menschen haben Wissenschaftler etwa 25.000 Gene ausgemacht. Hört sich gewaltig an. Nun, man könnte meinen, dass das am höchsten entwickelte Lebewesen auf der Erde viel Erbinformation braucht, um zu funktionieren. Eine Annahme, die Forscher kippen mussten, als sie die Anzahl der Gene einer gewöhnlichen Maus nachzählten. Das war eine dicke Überraschung: Der Nager besitzt mehr Gene als der Mensch. Die Zahlen schwanken, je nach Untersuchung.

Wie ist das möglich? So eine kleine, graue Maus – die nicht sprechen kann, kein Bewusstsein besitzt, keine Intelligenz im menschlichen Sinne – verfügt über mehr Erbinformation als der ach so schlaue Homo sapiens? Ein Vergleich aus der Welt des Kochens – wir bleiben beim Thema Ernährung – soll helfen, diese Kuriosum zu verstehen. Nehmen wir mal an, Starkoch Tim Mälzer und ich besitzen dasselbe Kochbuch. Es ist sehr dick, mit hunderten von Rezepten.

Uns beiden stehen also die gleichen Anleitungen zur Verfügung. Ich grobmotoriker bekomme vielleicht zehn, maximal zwanzig Gerichte davon ordentlich hin, Herr Mälzer hingegen mit Sicherheit ein Vielfaches davon. Er stellt sich halt geschickter an, nützt die Information besser, weiß mit ihr umzugehen. Ungefähr so ist das auch mit den Genen. Eine Maus besitzt ein ganz ähnliches Erbgut wie der Mensch – de facto gleichen sich beide sogar zu weit über 90 Prozent! Nur nutzt die Maus diese Information ganz anders als wir Menschen. Sie macht daraus ein kleines, vierbeiniges Nagetier, das ständig vor Katzen auf der Hut sein muss. Wir Menschen hingegen verfügen nur über zwei Beine und Katzen müssen wir im allgemeinen nicht fürchten.

Zugegeben, das ist alles stark vereinfacht. Aber es soll ja auch nur anschaulich zeigen, dass ein Gen alleine meist garnichts besagt. Nichts über das Risiko zum Dickwerden, nichts über das Diabetes-Risiko. Dick wird ein Mensch, wenn er zuviel isst. Und das tun leider viel zu viel Deutsche – völlig unabhängig von ihrer Erbgut-Ausstattung.

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